Mehr Sicherheit durch Risiko

 

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24.02.2006

 

Mehr Sicherheit durch Risiko

Die Bürger von Bohmte wollen ihre zentrale Straße nicht mehr länger den Autos überlassen."Mehr Sicherheit durch Risiko". Mit diesem Plakat, das ursprünglich zu einer schwedischen Helmkapagne gehört, verdeutlicht Verkehrsplaner Hans Mondermann seine Philosophie. Ein Motorradfahrer mit voller Montur fühlt sich sicher, dreht gern voll auf - und gefährdet dabei sich und andere. Säße er nackt auf dem Motorrad, würde er die Gefahr spüren - und langsam fahren. Er ist verletzlicher - und wird sich gerade deshalb wahrscheinlich nicht verletzen.

Die Ampel springt auf grün, der 40-Tonner röhrt auf. Noch einmal kurz gebremst durch das Warnlicht neben dem Fußgängerüberweg - dann nimmt er Fahrt auf. Gefolgt von einer Kolonne Autos donnert der Laster mitten durch das Dorfzentrum von Bohmte. Vorbei an der Kirche, die die Gemeinde hinter eine dornige Hecke verbarrikadiert hat. Vorbei an Boutique, Bäcker und Blumenladen. Irgendwo auf der abschüssigen Geraden passiert er das Grundstück von Clara und Martin Fischer*.

Ihr Wohnhaus ist so weit wie möglich zurückgesetzt, davor ein Carport, kurzgeschorener Rasen und ein paar alte Apfelbäume. "Als wir hierher gezogen sind, gab es nicht einmal einen Bürgersteig", berichtet der 83-Jährige. Noch in den 50ern waren viele Bauern mit Pferdefuhrwerken unterwegs, und ein kleiner Graben trennte den Garten von der Straße. Damals verbrachte Clara Fischer viel Zeit bei ihren Beeten. "Ich hatte alles: Spargel, Kartoffeln - und ach ja, meine schönen Stangenbohnen," erinnert sich die 75-Jährige. "Heute mit den ganzen Abgasen wäre so was ja gar nicht mehr möglich." Auch der kurze Schwatz mit zufällig vorbeikommenden Bekannten gehört längst der Vergangenheit an. "Das ist heute so laut, da müssten wir uns ja anschreien."12500 Fahrzeuge wälzen sich Tag für Tag durch das niedersächsische Dorf. Seit die Laster auf der Autobahn Maut zahlen müssen, sind es sogar noch mehr geworden. Längst erscheint vielen Eltern der Weg zur Schule als zu gefährlich. Deshalb bringen sie ihre Kinder lieber selbst zum Unterricht - meist mit dem Auto, versteht sich.

Das alles soll nun wieder anders werden, haben die Bohmter Bürger beschlossen. "Die Menschen gehören ins Zentrum. Die Autos sollen nur noch Gäste sein und sich entsprechend rücksichtsvoll verhalten", beschreibt die rüstige Rentnerin Clara Fischer das Ziel.

Möglichst viele Ampeln und Schilder abmontieren

Die Idee, wie man so etwas anstellt, stammt von Hans Monderman. "Mehr Sicherheit durch Risiko," lautet einer seiner Leitsätze. Der holländische Verkehrsplaner hat schon in mehreren Orten seiner Heimat fast alle Ampeln und Verkehrsschilder abmontieren lassen. "Die Leute sollen fühlen, dass sie aufpassen müssen. Dann werden sie aufmerksamer und langsamer fahren." Pflaster oder Asphaltdecke, eng stehende Bäume oder freier Blick auf die kommenden 300 Meter Straße - all das sendet Botschaften, wie man sich an der entsprechenden Stelle verhalten soll. Gibt es keine eindeutige Grenze zwischen Bürgersteig und Fahrbahn, laufen nicht nur Fußgänger kreuz und quer. Auch die Autofahrer registrieren die Gegebenheiten und drosseln die Geschwindigkeit, ist Mondermann überzeugt.

Eineinhalb Jahre ist es her, seit er zum ersten Mal nach Bohmte kam und seine Idee vorstellte. "Am Anfang bin ich nach Haus gegangen und hab gedacht: Was ist das für ein Schwachsinn", erinnert sich Hubertus Brörmann, dessen zwei Bekleidungsläden direkt neben der wichtigsten Bohmter Ampel liegen. Doch mehrere Bürgerversammlungen und Workshops später ist der 39-Jährige sicher, dass die zentrale Dorfstraße tatsächlich zu einer ruhigen und attraktiven Bummelmeile werden kann. "Unser Ort existiert seit 931 Jahren und früher haben die Leute ja auch nicht für jeden Weg das Auto genommen." Und immerhin 80 Prozent des Verkehrs in Bohmte sind hausgemacht.Vor allem eine gemeinsame Busfahrt nach Holland hat viele Dörfler überzeugt. In Haren setzten sie sich erst einmal eine Weile ins Café und beobachteten den Verkehr: Radler, Fußgänger und Autofahrer teilten sich gleichberechtigt den gepflasterten Raum zwischen Bäumen und Straßenlaternen. Auch bei offenstehender Tür konnten sie ihre Gespräche fortsetzen, ohne dauernd durch vorbeidonnernde Autos unterbrochen zu werden. Und überhaupt: Nur sehr selten mühte sich ein Laster durch die Straße. Als die Besucher aus Niedersachsen dann auch noch Fotos sahen, auf denen das frühere Haren ihrem heutigen Bohmte erstaunlich ähnelte, waren sie überzeugt: So einen Umbau wollen sie auch.

Radikallösung: Autofahrer müssen den Weg suchen

Heute ist wieder einmal eine Bürgerversammlung im Landgasthaus Gieseke-Asshorn: Die Planer wollen ihre Ideen vorstellen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Vor allem ältere Männer sind gekommen, doch auch Clara Fischer hat sich einen Platz weit vorne gesichert. Der Kölner Architekt Ingo Kanehl wirft Bilder an die Wand. Kreisverkehr statt Ampel lautet einer der Vorschläge für die zentrale Kreuzung. Noch radikaler wäre eine Lösung, bei der sich die Autofahrer ihren Weg auf dem belebten Platz selbst suchen müssen. Der schwarz gekleidete Planer mit der Designerbrille zeigt Fotomontagen, auf denen Kinder und Radfahrer unbeschwert genau an der Stelle unterwegs sind, wo heute Autofahrer ungeduldig auf Grün warten. Hinten im Saal wird es kurz unruhig. "Wo sollen denn dann die ganzen Lkw hin?" tuschelt ein bärtiger Herr seinem Nachbarn zu. "Ja, das kann nicht funktionieren. Das gibt doch nur einen riesigen Stau", ist auch der Angesprochene überzeugt. Einigen Frauen im Saal wird ebenfalls etwas mulmig, schließlich kommen an der Stelle täglich Hunderte von Schul- und Kindergartenkindern vorbei.

Peter Hilbricht hat früher ebenso gedacht. Seit über 35 Jahren ist er Unfallsachbearbeiter bei der Polizei. Zwei Menschen mussten sterben, bevor der Zebrastreifen an Bohmtes zentraler Kreuzung in den 80ern endlich durch eine Ampel ersetzt wurde. Doch auch die hat nicht verhindert, dass hier immer wieder Menschen unter die Räder kamen, erst vor kurzem hat ein junger Mann die Warnleuchte am Fußgängerüberweg übersehen und zwei Leute schwer verletzt. Auch für Hilbricht war es ein Besuch in Haren, der seine Perspektive grundlegend verändert hat. "Im Jahr vor dem Umbau hatten die 200 Unfälle, davon mehrere mit Personen-schaden. Jetzt waren es nur noch neun - und keiner mit Personenschaden", zitiert der Beamte die Statistik seiner holländischen Kollegen. Darüber hinaus werde die Lkw-Flut verebben, ist der Polizist überzeugt. "Wenn die hier im Schritttempo durchjuckeln müssen, werden sie sich einen anderen Weg suchen". Auch dies entspringt nicht Hil-brichts Wunschphantasien, sondern fußt auf den Erfahrungen der Holländer.

Bleibt noch ein wenig Überzeugungsarbeit

An dieser Stelle liegt allerdings der Knackpunkt des ganzen Konzepts: Die Bremer Straße in Bohmte gehört nämlich nicht der Gemeinde, sondern dem Land Niedersachsen. Und für Landesstraßen gibt es exakte Vorschriften, die Verkehrsplaner im Interesse eines sicheren und zügigen Autoverkehrs entwickelt haben. So muss nicht nur die Fahrbahn mindestens 6,50 Meter breit sein. Auch zwei ordentliche Bürgersteige sind vorgeschrieben. "Davon wollen wir abweichen", räumt Bürgermeister Klaus Goedejohann ein. Doch seinem optimistischen Wesen entsprechend glaubt er, dass er die Ministerialen in Hannover überzeugen kann. "Einer von denen hat sogar seine Diplomarbeit zu einem ähnlichen Thema geschrieben und war ganz begeistert, dass so was in Deutschland endlich mal umgesetzt werden soll." Noch in diesem Jahr sollen die Bagger in Bohmte anrücken - auf dass irgendwann wieder Stangenbohnen in den Vorgärten wachsen können. * Name auf Wunsch geändert

Hier wird umverteilt

Bohmte ist Modelldorf. In sieben europäischen Orten soll eine verbesserte Raumplanung ausprobiert werden. Das Motto des EU-Programms: "shared space - geteilter Raum".Hieß es in den vergangenen drei Jahrzehnten vor allem "Freie Fahrt für freie Bürger", so sollen viele Straßen jetzt wieder auf vielfältige Weise nutzbar werden: Als Ort zum Spielen, Verweilen, Sich-Treffen, aber auch zum Fahren. Ziel von "shared space" ist nicht, den Autoverkehr gänzlich aus den Zentren zu verbannen. Wie der öffentliche Raum umgestaltet wird, sollen die Bürger und Anwohner weitgehend selbst entscheiden. Den Politikern fällt bei "shared space" lediglich die Aufgabe zu, den Prozess zu steuern.
AJE

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